Adventszeit,  Montagsmotivation,  Weihnachtslotte

Weihnachten wird anders

Ich bin ein Weihnachtsfan. Wenn Astrid Lindgrens heile Bullerbüh Welt sich mit Netflix Weihnachtsfilmen vermischt und explodiert, dann ist das meine ungefähre perfekte Vorstellung von Weihnachten. Bitte mit noch ein bisschen mehr Kitsch und wir streuen auch noch rosa Zuckerguss drüber, okay?

Aber dieses Jahr ist anders. Wie so vieles in diesem Jahr. Nicht nur, dass meine Arbeit sich verändert hat, ich Patient*innen mit Mundschutz oder online begegne (“Halllloooo???? Können Sie mich hören?” ist glaube ich die häufigste Videointeraktion, die ich dieses Jahr mit Patient*innen hatte. Natürlich immer dann, wenn es gerade wirklich dramatisch ist), auch Weihnachten ist … anders.

Da mein Partner und ich beide im Gesundheitssystem arbeiten, haben wir lange überlegt, ob wie Weihnachten mit unseren Familien verbringen können. Nach vielen Überlegungen wie wir es vielleicht doch möglich machen und sicher gestalten können, fiel letzte Woche die endgültige Entscheidung. Wir werden zuhause feiern. In Hannover zu zweit.

Wenn ich ehrlich bin, hat mich diese Entscheidung erleichtert. Meine Eltern gehören zur Risikogruppe und auch wenn ich mit Maske und Vorsicht durch die Welt gehe, so bin ich doch immer noch eine potentielle Gefahr. Die Entscheidung hat mich traurig gemacht und sie hat mich erleichtert. Denn nur, weil es prinzipiell erlaubt ist die Familie zu sehen, heißt es nicht, dass es immer klug sein muss. Wir können uns nicht vorab isolieren. Die Vorweihnachtszeit ist für viele meiner Patient*innen traditionell schwer und dieses Jahr kommt ein Jahr voller Kontaktbeschränkungen und Unsicherheit hinzu. Da möchte ich auch da sein.

Fest steht, Weihnachten 2020 ist das erste Jahr, das ich ohne meine Familie feiern werde. Das ist in Ordnung so. Wir werden es uns schön machen, haben schon fleißig Pläne geschmiedet und inzwischen freue ich mich auf die Zeit als Paar und neue eigene Traditionen.

Ich glaube dieses Jahr sind die Erwartungen an Weihnachten bei allen Menschen sehr hoch und die Anspannung steigt. Warum schreibe ich diesen Post? Ich glaube es ist wichtig, dass wir uns einige Dinge bewusst machen.

  1. Ja, es wird anders. Für uns alle. Denn ein neues Thema 2020 sitzt mit unter dem Weihnachtsbaum und am Gabentisch.
  2. Anders ist okay. Wenn Veränderungen anstehen spüren wir oft einen Widerstand. Wir möchten uns unbedingt an althergebrachten Dingen festhalten und damit die Zukunft vorher sagen.

Leid = Schmerz x Widerstand

Diese einfache Formel entspringt dem Buddhismus und wird oft im Rahmen der DBT* verwendet. Dabei geht es um radikale Akzeptanz. Wofür ist das gut? Radikale Akzeptanz bedeutet nicht alles toll zu finden, sondern die gegebenen Umstände, die wir nicht ändern können, anzunehmen. Es bedeutet nicht, dass wir nicht traurig, ängstlich oder wütend sein dürfen. Im Gegenteil. Gefühle sind wichtige Barometer unsere Psyche, sie sagen uns, wie es uns geht (haha Überraschung) und vermitteln uns, ob Änderungsbedarf besteht. Wir können Gefühle nicht in “gut” und “schlecht” einteilen und dann nur auf eine der beiden Kategorien hoffen. Wir sind Menschen und das bedeutet, dass wir Verlust, Schmerz, Trauer und Angst erleben werden. Jeder Einzelne von uns.

Was wir damit tun, steht auf einem anderen Blatt.

Es ist nämlich völlig okay, wenn uns die gegenwärtige Situation Angst macht, uns traurig stimmt und wir vielleicht sogar ein wenig weinen müssen, wenn wir unsere Familien nicht sehen. Nichts davon ist schlimm und schadet uns langfristig. Gestehen wir uns jedoch nicht zu, dass wir auch schmerzhafte Emotionen fühlen, verbieten wir sie uns sogar, weil der Partner/die Kinder/die Eltern nicht sehen sollen, wie es uns geht, dann negieren wir unsere Menschlichkeit. Und genau das ist es, was zu Leid und Elend führt. Wir können nämlich beides sein. Traurig und glücklich und manchmal sogar innerhalb weniger Augenblicke.

Mensch sein ist das, was uns verbindet. Es baut Brücken, es schafft Nähe und Intimität. Erlauben wir uns das nicht, dann geht uns in dieser Zeit genau das verloren, was uns Halt und Trost gibt.
Ich bin sehr gut darin tapfer zu sein. Ich kann meine Verletzlichkeit, meine Sorgen und meine innere Not sehr gut überspielen. Ich verkleide mich mit Rheinischer Frohnatur und lautem Lachen. Es hat seht viel Selbsterfahrungssitzungen gebraucht, bis ich mich getraut habe Risse in diese Maske zu lassen. Seither ist die Welt nicht plötzlich voller Einhörner, aber ich kann meinen Schmerz besser verstehen und liebevoller mit mir und anderen umgehen.

In der Therapie sagen Patient*innen immer wieder: “Seit ich mir zugestehe auch meine Angst/Trauer zu akzeptieren, ist sie viel leichter zu ertragen und geht auch wieder vorbei” Wir können nicht gegen jedes Monster kämpfen, aber wir können beschließen uns damit anzufreunden.

In diesem Sinne verbietet euch dieses Jahr nicht eure Emotionen zu spüren. Verbote haben wir schon genug.

Liebste Grüße
Lotte

 

*DBT Dialektisch Behaviorale Therapie, die insbesondere bei Borderline Persönlichkeitsstörungen genutzt wird

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