Alltags-Lotte,  Denk-Fuchs

Brief an meine ungeborene Tochter – Empowerment

Diesen Brief habe ich am Sonntagmorgen nach einer langen Joggingrunde geschrieben. Ich brauchte ihn ebenso sehr, wie ich ihn für jemand anderen geschrieben habe. Als ich mich noch einmal damit beschäftigt, ihn Claas dem Baeren vorlas und darüber nachdachte, wurde mir klar, dass ich ihn teilen möchte. 

Bevor es Glückwünsche hagelt: Ich bin nicht schwanger. Dieser Brief geht symbolisch an alle Frauen und Mädchen, die diese Worte brauchen und vielleicht eines Tages an meine Tochter.

Liebe M.

Ich glaube, dass dein Vorname mit M beginnen wird, wenn es dich jemals geben sollte und ich hoffe, dass es dich geben wird. Es ist gar nicht leicht dir diesen Brief zu schreiben. Wie schreibt man jemandem von dem man nicht weiß, dass sie existieren wird? Ich stelle mir vor, wie du das liest. Vielleicht bist du dann so alt wie ich jetzt und sitzt mit deinen 28 Jahren im Herbst auf einem Sofa eingekuschelt. Ich hoffe, dass es so sein wird und ich hoffe, dass dieser Brief dich zum schmunzeln bringt, weil er nicht mehr nötig ist. Und doch glaube ich dass er nötig sein wird.

Gestern wurde in den USA die erste Vizepräsidentin verkündet, sie sagt von sich „I eat no for breakfast“ und ich verneige mich vor dieser Größe.  Ich bewundere sie und ich beneide sie für diese Haltung und ihre Konsequenz, denn glaub mir das ist nicht einfach.

In der Welt in der ich lebe – im Jahr 2020 – steht man als Frau nicht einfach auf und sagt „I eat no for breakfast“, denn das gehört sich nicht. Vieles in dieser Welt ist besser als vor 100 oder auch vor 50 Jahren, aber eine Sache hat sich noch nicht verändert. Wenn ein Mann seine Kompetenz zeigen möchte, muss er einfach da sein. Versuchst du es als Frau, werden die Bewertungen auf dich einprasseln. Bist du zu dick, zu dünn, was hast du da an? Schminkst du dich etwas (nicht)? Was ist mit Kindern? Wie willst du das wissen. Das sind die offensichtlichen Dinge,, die gegen die jeder Mensch mit eine Funken Verstand aufbegehren kann.

Aber es gibt auch die kleinen Gesten mit großer Wirkung. Sie werden dir ins Wort fallen, sie werden deine Nachrichten ignorieren, sie werden dich unterbrechen und sie werden dumme Witze machen (Ach Frauen, typisch…) Sie werden versuchen dir das Gefühl zu geben klein zu sein, dumm zu sein, sie werden deine Ideen als ihre verkaufen, Meetings vergessen und Meetings anberaumen von denen du nichts weißt. Sie werden miteinander Ski fahren, Golf spielen und surfen gehen, sich gegenseitig zu ihrer Großartigkeit beglückwünschen und deine Ideen als ihre verkaufen. Habe ich das mit dem unterbrechen erwähnt? Und du wirst vielleicht am Anfang denken, dass du es bist. Wenn sie dich nicht verstehen, weil sie nebenher auf ihrem Handy beschäftigt sind (gibt es die eigentlich noch?) und du dann alles noch einmal erklärst.

Und vielleicht wirst du es versuchen. Mit anderen Worten, mit einfachen Sätzen, vielleicht leise und irritiert und vielleicht irgendwann genervt. Vielleicht wirst du dich inkompetent fühlen und die Gesten der Macht, denn nichts anderes ist es, zuerst auf deine mangelnde Begriffsfähigkeit schieben. Vielleicht wirst du versuchen rein zu passen, dich anzupassen in der Hoffnung dass sie dich ansehen. Aber es ist wichtig, dass du eines weißt.:

All das hat nichts mit dir zu tun.

Du kannst dich verbiegen und zerbrechen und sie werden über deine Scherben hinweg laufen. Glaube mir, ich habe es versucht. Es geht nicht darum, dass du nicht kompetent bist, es geht nicht darum, dass du nichts zu sagen hast. Und vielleicht weißt du das alles längst. Ich hoffe es. Ich hoffe, dass ich dich zu einem Menschen begleiten durfte, du eine Frau geworden bist, die weiß dass anecken nicht bedeutet falsch zu sein.

Dein Opa hat mir einmal gesagt „Everybodys Darling is everybody’s depp“ und ich hoffe, dass du diese Worte besser leben kannst als ich. Denn glaub mir, ich sitze hier mit meinen 28 Jahren und bin verzweifelt. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist gemocht zu werden, ich möchte dass man mir zuhört und bin irritiert, wenn kleine Gesten der Macht plötzlich immer größer werden und sich auftürmen. Es tut weh, es verletzt und es macht hilflos. Hilflos und zornig und ohne dass ich einen Ausweg sehe, fühle ich mich in solchen Momenten gefangen. Und wenn es dir auch so geht, dann möchte ich, dass du eines weißt:

Es ist okay.

Es ist okay, wenn du dich so fühlst,. Du musst nicht stark sein und einen Panzer haben an dem alles hart wird. Lass dein Herz nicht statisch werden in deinem Leben. Sie werden es versuchen, sie werden versuchen, dir einzureden, dass du ein dickeres Fell brauchst, um in dieser Welt zu bestehen. Aber das ist nicht wahr. Wenn sie dir mit diesen Gesten deine Güte, deine Leichtigkeit und deine Sensibilität nehmen, dann ist genau das geschehen, was nicht passieren soll. Die Welt braucht nicht noch mehr Menschen, die über Leichen gehen. Wir brauchen nicht den nächsten großen Schwanzvergleich.

Lass sie das tun, aber mach nicht mit. Erlaube dir deine Sanftheit, schäme dich nicht für deine Tränen (ich gebe zu, ich schäme mich manchmal für meine) und höre auf die Schwingungen deines Herzens. Das klingt pathetisch und ja, das ist es auch. Aber das bedeutet nicht, dass es falsch ist. In einer Welt in der Härte gepredigt wird, ist es essentiell Wärme entgegen zu setzen. In einer Welt in der der Lauteste gewinnt, öffne dein Herz für die leisen Töne. Ja, es wird weh tun und es ist nicht falsch Schmerz zu empfinden, wenn dich jemand verletzt. Es macht dich menschlich und das ist es, was wir brauchen.

Gesten der Macht werden gezeigt, wenn du bedrohlich bist. Sonst wären sie nicht nötig. Präge es dir ein: Gesten der Macht werden gezeigt, wenn du bedrohlich bist. Sonst wären sie nicht nötig.

Und sie sind nötig, weil die Revolution auch mit Wut aber vor allem mit dir geschieht. Genauso wie du bist. Wenn du um zu gewinnen so werde musst wie sie, dann hast du nicht gewonnen. Sie haben es. Und das wäre das Schlimmste, was dir passieren kannst. Werde ärgerlich, sei zornig, prangere an. Halte nicht den Mund und sage, wenn Unrecht geschieht. Aber werde nicht zu ihnen. Sie sind nicht besser als du also lass sie nicht dein Bestes nehmen. Du bist wundervoll und einzigartig und auch wenn es dich vielleicht nie geben wird, so liebe ich dich jetzt schon. Du bist richtig. Lass dir nicht einreden falsch zu sein, lass dir nicht einreden, dass du nichts zu sagen hast.

Werde zornig, aber bleibe du selbst.

Es ist okay, diese Orte zu verlassen. Es ist okay mit erhobenem Kopf (und Mittelfinger) zu gehen und es ist auch okay bleiben und kämpfen zu wollen. Du darfst es dir aussuchen. Aber niemand darf dich so behandeln, dass du dich klein fühlst. Wärst du klein, dann wären sie nett. Lass dich nicht irritieren von über den Kopf streicheln und Komplimente voller Überraschung „Oh, das hast du ja erstaunlich gut gemacht. Was für eine Präsenz“ Lass dich nicht einlullen von lieben Worten und kleinen Gesten „Schau, ich habe dir Schokolade mitgebracht, weil du das so gut gemacht hast“ Entscheide wer du sein möchtest. Ich wünsche mir sehr, dass wir dir mitgeben konnten nicht nach dem Wind zu tanzen. Ich wünsche mir, dass es dir nicht wichtig ist, ob die ganze Welt dich mag. Mir war es wichtig, ich habe es nicht gelernt.

Egal was du fühlst und egal wer du geworden bist. Es ist okay. Gefühle können nicht falsch sein und was auch immer du tust, bleibe wer du bist.

In Liebe.

2 Kommentare

  • Elke

    Liebe Lotte, ich finde mich in der Geschichte total wieder.Ich war als Mädchen immer anders und nie jedermanns Liebling. Wollte immer dazugehören….das geht natürlich nicht, wenn man einen eigenen Willen hat. Das Leben macht mir jedoch viel mehr Spaß wenn ich selbstbestimmt sein darf.Liebe Grüße von Elke

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